Rollespiele 2014: Shadowrun: Dragonfall (Berlin Kampagne)

Es sollte doch ein 10-Minuten-Run werden. Rein in das Anwesen, runter in den Keller, den Datensafe plündern und sofort wieder raus... aber dann hat etwas in der Matrix Monikas Gehirn gegrillt und Sekunden später stürmt dieses Sicherheitsteam herein. Angeführt von einem Troll in Militär-Niveau-Kampfausrüstung. Wenn den nicht irgendwer in der letzten Sekunde zurückgepfiffen hätte, wären wir da nie lebend rausgekommen. Nur noch wenige Schritte bis zum Safehouse. Wir müssen unbedingt rausfinden, was da genau abgegangen ist.

Dieser Run befördert euch, nach dem Ableben der ehemaligen Anführerin Monika Schäfer, zum Leiter einer in Berlin ansässigen Shadowrunner Truppe, die offensichtlich auf etwas gestoßen ist, was für sie viel zu groß ist. Als bei den Recherchen noch ein Decker gegrillt wird und seine Notizen auf den eigentlich 2012 verstorbenen Großdrachen Feuerschwinge hindeuten, schwant wohl jedem, dass sich hier die typische Cyberpunk Geschichte rund um Konzerne, Drachen und Magie entwickelt.

Im Juni 2013 brachte Harebrained Schemes nach gut einem Jahr Entwicklung Shadowrun Returns heraus. Ein Spiel, an das die Kickstarter-Gemeinde hohe Erwartungen hatte. Bedauerlicherweise war die Release-Kampagne, The Deadman's Switch, eher enttäuschend. Die Entwickler hatten in dem Spiel zwar viele Aspekte des Regelwerks untergebracht. Es gab alle Klassen (Straßensamurais, Decker, Rigger, Schamanen, usw.), Charaktere konnten mit Cyberware, Waffen und Drohnen und Fetischen ausgestattet werden und man konnte sich als Decker sogar in die Matrix einloggen. Aber die Kampagne war mit sechs oder sieben Stunden Spielzeit doch extrem kurz und sehr geradlinig. Auf den Karten des Seatler Sprawls ließ sich mehr oder weniger nur das machen, was man machen sollte. Andere klickbare Objekte gab es gar nicht und nur zwei oder drei Karten enthielten überhaupt mehrere Lösungsmöglichkeiten.

Gut ein halbes Jahr später, am 27. Februar 2014 ist jetzt Shadowrun: Dragonfall erschienen. Die zweite Kampagne für Shadowrun Returns, welche alle Kickstarter-Backer kostenlos als Wiedergutmachung erhalten haben und mit der Harebrained Schemes alles aufarbeiten, was sie in Deadman's Switch verpasst haben. Technisch hat sich zwar kaum etwas geändert, aber im Gegensatz zu Deadman's Switch ist man nicht mehr alleine Unterwegs und muss für jeden Job fremde Shadowrunner anheuern, sondern hat ein eigenes Team, das an der eigenen Seite ums Überleben kämpft. Das besitzt selbstverständlich ein Hauptquartier und einen Fixer der neue Jobs an Land zieht. Zudem kann man eigene Gigs übers Shadowland annehmen und zusätzlich erbeutete Informationen dort zum Verkauf stellen. Aber was am wichtigsten ist, Shadowrun Dragonfall hat eine wirklich gute und im Gegensatz zur Originalkampagne sehr lange Geschichte, wie man sie sonst nur in den Romanen der Cyberpunk-Welt findet. Um das Gesamtpaket abzurunden gibt auf den zahlreichen Runs unzählige Nebenaufgaben zu erledigen, ständig mehrere Lösungswege und die Charakterattribute eröffnen in Gesprächen nun ständig zusätzliche Möglichkeiten.

Was Shadowrun: Dragonfall jetzt vielleicht noch anzulasten ist, ist die mittelmäßige Grafik des Grundspiels, aber mit der haben sich die meisten sicherlich schon in Deadman's Switch angefreundet. Ferner ist das rundenbasierende Kampfsystem zweifellos nicht so ausgereift, wie bei der aktuellen Konkurrenz von z.B. Wasteland 2. Denn bei verschiedenen Zaubern, Waffentypen und Deckungsmöglichkeiten unterschiedlicher Stärke hört es auf. Höhenunterschiede, die Einfluss nehmen könnten, oder durchschlagende Waffen, die mehrere Personen hintereinander treffen, gibt es nicht. Aber innerhalb der gegebenen Mittel reizt die Dragonfall-Kampagne die Möglichkeiten vollkommen aus. In den Reihen des eigenen Teams reiht sich mit der Zeit auch mal ein Magie-aktiver-Hund ein. Auf einem Run, kann man den zu befreienden Cyberzombie steuern und mit ihm durch Reihen von Knight-Errant-Wachleuten mähen. Missionen werden zu neuen Herausforderungen, in dem mehrere Punkte gleichzeitig für eine bestimmte Zeit gegen anstürmende Droiden verteidigt werden müssen, oder ein Timer in Runden anzeigt wann das High-Thread-Response-Team anklingelt. Und letztlich gibt es tatsächlich mal einen Großdrachen zu sehen. Also in seiner natürlichen Form und nicht als menschliche 50-Pixel-große Gestalt. Wer Sci-Fi Rollenspiele mag, nicht bis zum Release von Cyberpunk 2077 warten kann und sich über mittelmäßige Grafik mit guter Story hinweg trösten kann, sollte die 13,99 für die Kampagne bei Steam investieren.

Erstellt von Pandur | am 03.03.2014

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