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Neverwinter Nights Review

  • Entwickler: BioWare
  • Vertrieb: Atari
  • Genre: Rollenspiel
  • Plattform: PC
  • Getestet am: 16.07.2002
  • Von: Monti
  • 390 weitere Bildschirmfotos
  • Gameplay Singleplayer (Unsere-/Spielerbewertung): 88% / 80%
  • Gameplay Multiplayer (Unsere-/Spielerbewertung): 93% / 80%
  • Grafik (Unsere-/Spielerbewertung): 85% / 85%
  • Sound (Unsere-/Spielerbewertung): 78% / 75%
  • Gesamtwertung (Unsere-/Spielerbewertung): 92% / 85%
  • Wertung abgeben
  • Schwierigkeitsgrad: Mittel
  • Eingewöhnungsphase: ca. 30 Min
  • Preis: 39,99 €

Der "Heulende Tod", eine tödliche Seuche, bedroht die Stadt Niewinter und rafft die Einwohner dahin. Da jegliche Heilungsversuche bisher fehlgeschlagen sind, steht die gesamte Stadt unter Quarantäne. Lady Aribeth hat, im Auftrag des Bürgermeisters, Lord Nasher, die schwere Aufgabe das Geheimnis der Seuche zu lösen. Als Schüler der, von Aribeth geführten, Akademie Niewinters kommt ihr ins Spiel...

Grafik, Sound und Steuerung



Die Atmosphäre, die durch die Grafik vermittelt wird ist wirklich atemberaubend. Durch die effektvolle Kombination von Licht und Schatten wirkt die Umwelt bei Tageslicht schon sehr real, bei Nacht oder in dunklen Katakomben wird es dann richtig unheimlich. Denn alle Objekte im Spiel werfen, je nach Anzahl der Lichtquellen, multiple, dynamische und sehr realistisch wirkende Schatten. In dieser Komplexität war das noch in keinem anderen RPG zu sehen, und mit Objekten und Lichtquellen wurde wahrlich nicht gegeizt. Doch mit realistischen Schatten sind die Lichtspiele Neverwinter Nights noch lange nicht ausgereizt. So spiegeln alle Waffen und Rüstungen je Material unterschiedlich die Umgebung wieder. Ein weiteres Highlight sind die opulenten Zaubereffekte, welche so ebenfalls noch in keinem RPG zu sehen waren. Da wird jeder simple Heilspruch zum optischen Genuß.
Da muss es doch einen Haken geben, mag sich jetzt manch einer denken. Ja, den gibt es auch. Bei all dieser einzigartigen Grafikpracht wird in den Außenlevels doch schnell die einzige Schwäche der Grafikengine sichtbar. Durch den Tilebasierten Aufbau der Levels, ist jede Karte streng quadratisch und eine größere Reise über offenes Land ohne Zwischenladen an den Kartenübergängen nicht möglich. Auch wird ein Teil der mühevoll aufgebauten Atmosphäre durch das offensichtliche Kartenende an den Rändern wieder zerstört.
Wenn man den Vergleich mit anderen RPG's sucht, so ist die Grafik in geschlossenen Gegenden aktuellen Konkurrenten, wie Morrowind und Dungeon Siege, ganz klar überlegen. In den Außenlevels trägt Dungeon Siege jedoch, durch die unterbrechungsfreie Umwelt, den Sieg davon.
Was da so aus den Boxen kommt hinterläßt, zumindest in der deutschen Version, doch gemischte Gefühle. Die dynamische Musik von Jeremy Soule (z.B. auch für die Musik Icewind Dale verantwortlich) ist wieder äußerst stimmungsvoll, ob nun in der lustigen Taverne oder im finstersten Kerker. Die Umgebungsgeräusche und Monstersounds sind auf einem ähnlichen Niveau wie bei Baldur's Gate 2, also ebenfalls von guter Qualität, wobei es immer noch nicht gerade stimmungsförderlich ist, wenn die meisten Charaktere nur den ersten Satz auch wirklich "sprechen".
Kommen wir zum (erwartungsgemäßen) Schwachpunkt der Sounduntermalung, der deutschen Synchronisation. Diese ist zwar an sich sehr solide gemacht, doch die Auswahl der Sprecher wirkt teilweise recht unpassend.
Gesteuert werden kann der Charakter grundsätzlich nach dem allgemeinen Point&Click Schema, welches auch schon aus Baldur's Gate, Diablo, Dungeon Siege & Co. bekannt ist. Aber um dieses System zu perfektionieren hat BioWare das Radial Menü entwickelt. Über dieses kreisrunde Menü hat man über simple Mausklicks jederzeit volle, und vor allem schnelle, Kontrolle über alle Möglichkeiten des eigenen Charakters oder der ausgewählten Objekte. Abgerundet wird die Steuerung durch drei(!) verfügbare Quickslotreihen, welche beliebige Zauber, Waffen oder Aktionen auf Knopfdruck aktivierbar machen. Wie man seine Steuerung auch mag, mit diesem System sollte jeder nach seiner Vorliebe glücklich werden.

Story und Quests



Die Story der offiziellen Kampagne ist von einer Qualität wie man sie von BioWare gewohnt ist. Dies beinhaltet eine relativ epische Story, interessante Charaktere und zahlreiche Nebenquests, wenn auch nicht die Flut an Nebenaufgaben wie in BG2. Die meisten Nebenquests lassen sich erledigen, während man der Story folgt, doch einige verlangen euch auch einen größeren Teil eurer Zeit ab. Je nach Spielweise braucht man für die offizielle Kampagne dann 60-80 Stunden. Viele Aufgaben lassen sich unterschiedlich lösen, ein Halblingsdieb geht vieles anders an als etwa ein Kämpfer oder ein Magier. Dies betrifft sowohl die Dialoge als auch die Lösungswege. Erfahrene Spieler kennen dies aus BG2.
Die umfangreichen Dialoge und die für BioWare Spiele typischen Gimmiks wie Geschichtsbücher machen klar, das es sich hier nicht um Action RPG handelt, wenn auch die Action nicht zu kurz kommt. Von einem spielbaren Roman im Stile eines Planescape: Torment ist NWN aber trotzdem meilenweit entfernt.
Während sich das erste Kapitel am Anfang noch etwas träge gestaltet, wird es nach dem Ende des ersten Kapitels und dem Verlassen von Niewinter besser und spannender, die Welt von Niewinter bis Langsattel zieht den geneigten Spieler in ihren Bann.

Charaktere und Monster



Die Charaktererschaffung ist ein Traum. Profis erstellen sich komfortabel ihren Wunschcharakter und Amateure verlassen sich auf die eingebauten Empfehlungen des Spiels. So hätten wir uns das in Pool of Radiance 2 gewünscht. Überhaupt ist Umsetzung der 3. Edition der D&D Regeln ausgezeichnet geraten. Geschickt wird die Balance zwischen Zugänglichkeit und Zahlenwerk gehalten.
Mit dem frisch generierten Charakter wird das für Profis leider eher nervende Tutorial angegangen. Dabei fällt sofort der größte Unterschied zur BG Reihe (neben der 3D-Grafik) auf. Es gibt keine echte Party mehr, ihr steuert nur noch einen Charakter. Als minimalen Ausgleich dafür gibt es Gefolgsleute zum anheuern, aber einen echten Gruppenersatz stellen diese nicht dar, da man nur einen Söldner anheuern kann und diese auch nicht gerade Kommunikationsstark sind. Im Endeffekt kann man die Gefolgsleute mit den Söldnern aus Diablo 2 vergleichen. Als Magier könnt ihr natürlich auch euren Vertrauten und diverse Monster für eure Reisegruppe beschwören.
Leider sind sowohl die Gefolgsleute, wie auch die Monster nicht besonders intelligent. Manchmal sehen diese den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht und wie man eine Tür bedient haben die Gegner auch noch nicht gelernt. Außerdem wäre es nett gewesen, wenn auch die Monster den Spieler nach unserer Stärke beurteilen würden. Da das Spiel sowieso schon die so genannte Herausforderungsstufe berechnet um die Ausgewogenheit der Gegner zu berechnen, wäre es aus unserer Sicht ein Leichtes gewesen, schwächere Monster auch einmal vor dem Spieler fliehen zu lassen.

Multiplayer



Kommen wir zum eigentlichen Highlight von Neverwinter Nights (Hatten wir schon die Grafik und die D&D Umsetzung erwähnt? ;) - dem Multiplayer Modus.
Hier kommt dank der menschlichen Mitspieler endlich wieder echte Gruppenstimmung auf. Im Gegensatz zur Baldur's Gate Serie, wo der Mehrspielermodus eher eine nette Dreingabe war, ist dies das eigentlich Herz von Neverwinter Nights. Das Entwicklungsziel hieß "Pen & Paper Rollenspiele auf den PC bringen" und, wenn auch Neverwinter Nights keine echte RPG Sitzung mit Freunden ersetzen kann, so ist dies (aufmerksame Leser ahnen es bereits) doch die beste Pen & Paper Umsetzung, die unsere Festplatten je erblicken durften.
Die Möglichkeit, dass ein menschlicher Spieler in die Rolle des gottgleichen Spielleiters (Dungeon Master) schlüpft lässt jede KI alt aussehen. Der Spielleiter hat fast alle Möglichkeiten, die er auch in einer Pen & Paper Runde hätte. Er platziert im laufenden Spiel Monster und Fallen, schlüpft in die Rolle von NSC's und wacht über das Fortkommen der von ihm betreuten Spieler. Natürlich ist der Spielleiter ein optionales Element des Spiels. Viele Module werden sich auch ohne Spielleiter spielen lassen. Online und Offline - In der Gruppe oder allein. Um es noch einmal deutlich zu sagen, für eine schnelle Runde Hack&Slay ist NWN eher ungeeignet. Durch seine Pen & Paper Orientierung, treffen sich die meisten Spieler kurz oder lang in mehr oder weniger festen Gruppen und bestehen in den verschiedensten Modulen gemeinsame Abenteuer mit einer echten Geschichte.
Wo wir gerade bei Modulen sind: Neverwinter Nights kommt mit den Aurora Tools, einem kompletten Entwicklungswerkzeug daher. Mit dem Toolset ist es nahezu kinderleicht eigene Module zu entwerfen. Waffen, Monster, Dialoge usw. - fast alles lässt sich verändern und dank der hauseigenen Scriptsprache sind die Möglichkeiten riesig. Die Kreativität der Spieler soll so Neverwinter Nights auf lange Zeit attraktiv halten; hier wurde von Anfang an auf die MOD-Szene gesetzt. Obwohl auch BioWare offizielle Module veröffentlicht, erhoffen wir uns besonders von den Fanprojekten sehr viel. Schon in naher Zukunft werden wir wohl etliche Module zum downloaden oder Online spielen vorfinden. Wenn da auch nur einige echte Perlen dabei sind, ist das Ziel schon erreicht und die fast vier Jahre lange Entwicklungszeit hat sich gelohnt.
Dies verspricht interessante, und übrigens kostenlose, Internetspiele, doch wird sich sicherlich auch im LAN die Post abgehen, wenn auch der heimische PC zugegebenermaßen etwas sperriger als Stift und Papier ist.

Fazit

Nie war... nein fangen wir anders an. Am Anfang dieser Review stand das Ziel einer möglichst kritischen Bewertung von Neverwinter Nights. Wenn man sich diesen Text so zu Gemüte führt, scheint dieses Ziel verfehlt. Doch ganz ehrlich - diese Review wurde nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben und das Spiel ist trotz seiner Macken einfach dermaßen gut. Bei Veröffentlichung des Spiels enthielt dieses übrigens, ganz BioWare untypisch, noch jede Menge Bugs. Der größte Teil scheint allerdings zum Zeitpunkt dieses Testes durch Patches gefixt, sodass diese Bugs keine Auswirkung auf unsere Wertung haben. Böse Zungen munkeln hier von Veröffentlichungsdruck seitens des Publishers, aber das sind natürlich nur Vermutungen.
Sicherlich kann man es auch nicht allen Recht machen. Diejenigen, die einen Singleplayermodus wie bei Baldur's Gate 2 erwartet haben, werden vielleicht, wegen der geringeren Freiheiten und der fehlenden Gruppe, enttäuscht sein, und den alten Pen & Paper Hasen fehlt vielleicht noch dieser Feat und jener Skill, aber im Grunde ermöglicht uns Neverwinter Nights genau das, worauf es uns allen doch ankommt: Verdammt gutes Rollenspiel.